Zeitreise Urbanbnb. Zwischen Kinderwagen, Existenzangst und einer Idee, die nicht losließ.
Wenn ich heute auf urbanbnb schaue, sehe ich ein gewachsenes Unternehmen, viele Jahre Erfahrung, ein Team, eingespielte Abläufe und eine klare Ausrichtung. 1996 sah ich davon nichts. Damals hatte ich vor allem eine Idee – und sehr viele Fragen.
Ich hatte einen sicheren Job, ein geregeltes Einkommen und wusste, was mich am nächsten Tag erwartete. Gleichzeitig war ich schwanger und spürte diesen starken Wunsch, etwas Eigenes aufzubauen. Im Rückblick klingt es mutig, in dieser Situation einen sicheren Arbeitsplatz aufzugeben und sich selbstständig zu machen. Damals fühlte es sich nicht mutig an. Es fühlte sich unsicher an. Manchmal sogar beängstigend.
Ich wusste nicht, ob meine Idee funktionieren würde. Ich wusste nicht, ob ich genügend Gastgeber finden würde. Ich wusste nicht, ob die Menschen überhaupt verstehen würden, was ich ihnen anbieten wollte. Und ich wusste erst recht nicht, ob daraus irgendwann ein Einkommen entstehen würde, von dem wir leben konnten. Was ich vorhatte, war damals alles andere als selbstverständlich. Menschen kamen für eine begrenzte Zeit nach Stuttgart und brauchten eine Unterkunft. Gleichzeitig gab es Gastgeber, die Zimmer oder Wohnungen möbliert vermieten konnten. Für mich lag es nahe, diese beiden Seiten zusammenzubringen. Heute ist das schnell erklärt. 1996 musste ich meine Dienstleistung immer wieder neu erklären.
Ich ging zu Touristikämtern, stellte mich vor und bat um Zusammenarbeit. Ich sprach mit Gastgebern und versuchte ihnen zu vermitteln, warum es interessant sein könnte, eine Wohnung oder ein Zimmer möbliert auf Zeit zu vermieten. Es war wirklich Klinkenputzen. Ich hatte keine bekannte Marke im Rücken, keine beeindruckenden Zahlen, keine lange Liste von Referenzen. Ich hatte meine Idee und musste hoffen, dass mein Gegenüber darin dasselbe erkannte wie ich. Manche taten das. Andere nicht. Ich bekam Absagen, führte Gespräche, nach denen ich nach Hause fuhr und mich fragte, ob ich mich vielleicht völlig verrannt hatte. Und am nächsten Morgen griff ich trotzdem wieder zum Telefon.
#### So begann urbanbnb.
Nicht mit einem großen Büro und nicht mit moderner Technik. Mein Unternehmen bestand im Grunde aus einem Telefon, einem Faxgerät, Papier, Bleistift, Radiergummi und Karteikästen. Wenn ein Gastgeber dazukam, legte ich eine Karteikarte an: Adresse, Ausstattung, Preis, Verfügbarkeit, Telefonnummer. Wenn ein Gast eine Unterkunft suchte, begann ich zu blättern. Welche Wohnung könnte passen? Ist sie noch frei? Dann rief ich den Gastgeber an, danach den Gast, vielleicht wieder den Gastgeber. Wenn sich etwas änderte, nahm ich den Radiergummi und schrieb neu. Das war mein System.
Während ich dieses kleine Unternehmen aufbaute, wurde ich Mutter. Und von diesem Moment an gab es eigentlich keine klare Trennung mehr zwischen Familie und Arbeit. Mein Baby war einfach dabei. Wenn ein Gastgeber seine Wohnung zeigen wollte, fuhr ich hin – mit Kind. Ich stand in fremden Wohnungen, ließ mir Schlafzimmer, Küche und Bad zeigen, fragte nach Ausstattung und Preis, machte mir Notizen und versuchte gleichzeitig, professionell aufzutreten. Und manchmal hatte ich dabei mein Baby auf dem Arm.
Wenn es ruhig war, war alles gut. Wenn es unruhig wurde, wurde eben getragen, gewippt und beruhigt, während ich weiterfragte, wie lange die Wohnung verfügbar war oder ob Bettwäsche vorhanden war. Auch am Telefon war mein Kind häufig dabei. Das Telefon war mein wichtigstes Arbeitsmittel. Wenn es klingelte, wusste ich nie, was daraus entstehen konnte: ein neuer Gast, ein neuer Gastgeber, eine Anfrage, vielleicht eine Buchung. Also ging ich ran. Auch mit Baby auf dem Arm. Ich lernte, möglichst ruhig und geschäftlich zu sprechen, während ich gleichzeitig versuchte, mein Kind zu beruhigen.
Nach dem Gespräch musste aus den Informationen ein Angebot werden. Wohnungen beschreiben, Preise festhalten, Gastgeber anrufen, Verfügbarkeiten prüfen, Faxe versenden. Und dann war da auch noch das ganz normale Leben mit einem kleinen Kind. Also Sachen zusammenpacken und kurz in die Krabbelgruppe. Dort saß ich zwischen anderen Müttern auf dem Boden und versuchte für einen Moment, einfach nur Mutter zu sein. Aber im Kopf lief urbanbnb meistens weiter. Der Gastgeber, den ich noch zurückrufen musste. Die Unterkunft, für die noch ein Angebot geschrieben werden musste. Der Gast, der auf Antwort wartete. Das Fax, das noch rausmusste.
Ich kann mich gut an dieses Gefühl erinnern, ständig zwischen zwei Welten zu leben. Wenn ich arbeitete, dachte ich manchmal, ich müsste eigentlich mehr Zeit mit meinem Kind verbringen. Wenn ich mit meinem Kind spielte oder in der Krabbelgruppe saß, dachte ich an die Arbeit, die zu Hause liegen geblieben war. Und über allem schwebte immer wieder diese eine Frage: Wird das reichen?
Finanziell war die Selbstständigkeit für mich lange mit Unsicherheit verbunden. Ein sicheres Gehalt kommt jeden Monat. In der Selbstständigkeit kommt erst einmal gar nichts automatisch. Jede Buchung musste vorher erarbeitet werden. Jeder Gastgeber musste gewonnen werden. Jeder Kunde musste Vertrauen haben. Ich habe oft gerechnet. Was kommt herein? Was muss bezahlt werden? Was passiert, wenn die Buchungen ausbleiben? Was, wenn ich mich überschätzt habe? Diese Sorgen sieht man später in keiner Unternehmensgeschichte. Aber sie waren da. Und sie gehörten zu meinem Alltag genauso wie die schönen Momente, in denen eine Vermittlung gelang oder ein Gastgeber uns weiterempfahl.
Dann begann urbanbnb langsam zu wachsen. Es kamen mehr Gastgeber, mehr Anfragen, mehr Buchungen. Irgendwann war ich an einem Punkt, an dem ich merkte, dass ich es alleine nicht mehr schaffen konnte. Ich brauchte Unterstützung und stellte meine erste Mitarbeiterin ein. Eigentlich hätte ich diesen Moment als Erfolg sehen müssen. Stattdessen kam sofort die nächste Unsicherheit. Ich hatte inzwischen viel darüber gelernt, Wohnungen zu vermitteln, Gastgeber zu gewinnen und Kunden zu betreuen. Aber von Mitarbeiterführung hatte ich überhaupt keine Ahnung.
Plötzlich saß da ein Mensch, für den ich verantwortlich war. Wie führt man jemanden? Wie erklärt man Aufgaben richtig? Wie gibt man Verantwortung ab, wenn man vorher alles selbst gemacht hat? Wann kontrolliert man zu viel, wann zu wenig? Ich musste diese neue Rolle genauso lernen wie alles andere zuvor. Und natürlich war da auch wieder die finanzielle Sorge. Nun ging es nicht mehr nur um mein eigenes Einkommen. Da war ein Mensch, der darauf vertraute, dass ich am Ende des Monats sein Gehalt bezahlen konnte. Das hat mich beschäftigt. Sehr sogar. Wachstum sah von außen nach Erfolg aus, für mich fühlte es sich oft zuerst nach mehr Verantwortung an.
Dann kam mein Mann ins Unternehmen, und vieles veränderte sich. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, die Verantwortung nicht mehr ganz alleine tragen zu müssen. Wir teilten uns die geschäftlichen Aufgaben, aber mindestens genauso wichtig war etwas anderes: Wir teilten uns nun auch die Kinderbetreuung. Das machte einen riesigen Unterschied. Bis dahin hatte ich oft versucht, überall gleichzeitig zu sein – Mutter, Unternehmerin, Ansprechpartnerin für Gastgeber, Ansprechpartnerin für Gäste. Jetzt waren wir zu zweit. Wenn einer von uns einen Termin hatte, konnte der andere sich kümmern. Wenn geschäftlich etwas dringend war, musste nicht automatisch alles andere hintenüberfallen.
#### Es wurde nicht plötzlich einfach. Aber es wurde leichter.
Dann kam unser zweites Kind zur Welt, und gleichzeitig wuchs urbanbnb weiter. Wieder mussten wir neu organisieren, wieder veränderte sich unser Familienleben, wieder mussten wir einen Weg finden, wie Firma und Familie miteinander funktionieren konnten. Rückblickend waren diese beiden Bereiche eigentlich nie getrennt. Unser Unternehmen wuchs mitten in unserem Familienleben. Unsere Kinder wuchsen mit urbanbnb auf, und urbanbnb wuchs mit uns.
Mit den Jahren wurde ich sicherer, aber die Sorgen verschwanden nie ganz. Sie veränderten nur ihre Form. Am Anfang hatte ich Angst, dass niemand meine Dienstleistung brauchen würde. Später machte ich mir Sorgen um Mitarbeiter, um laufende Kosten, um Entscheidungen, die plötzlich nicht mehr nur mich betrafen. Und irgendwann kam eine neue Herausforderung, mit der ich nicht gerechnet hatte: Airbnb erschien auf der Bildfläche.
Plötzlich war da ein internationaler Anbieter, den innerhalb kurzer Zeit fast jeder kannte. Die kurzfristige Vermietung von Wohnungen und Zimmern wurde digital, schnell, international und selbstverständlich. Ich erinnere mich gut daran, dass mir diese Entwicklung Sorgen machte. Was bedeutet das für uns? Braucht es urbanbnb überhaupt noch? Können wir mit einem solchen Unternehmen konkurrieren? Müssen wir alles verändern? Ich hatte nicht mehr die Angst vom Anfang, als niemand meine Idee verstand. Diesmal war es fast das Gegenteil: Plötzlich war die Grundidee überall, nur in einer ganz anderen Größenordnung.
Ich musste mich fragen, was urbanbnb eigentlich sein sollte. Wollte ich versuchen, auf demselben Feld mitzuspielen? Immer kurzfristiger, immer schneller, immer mehr Tagesvermietung? Oder lag unsere Stärke woanders?
Diese Entscheidung fiel mir nicht leicht. Denn etwas loszulassen, das lange funktioniert hat, ist oft schwieriger, als etwas Neues zu beginnen. Aber ich merkte, dass die reine Tagesvermietung nicht mehr der Weg war, den ich gehen wollte. Ich wollte nicht einfach nur möglichst viele kurze Aufenthalte vermitteln. Ich wollte mich auf Menschen konzentrieren, die aus beruflichen Gründen für eine längere Zeit eine Unterkunft brauchten. Geschäftsreisende, Projektmitarbeiter, Menschen, die für einige Wochen oder Monate in Stuttgart arbeiteten und nicht einfach nur ein Bett für zwei Nächte suchten.
#### Sie brauchten etwas anderes.
Ein Zuhause auf Zeit.
Damit begann eine neue Phase für urbanbnb. Ich verabschiedete mich von einem Teil dessen, was wir bisher gemacht hatten, und richtete das Unternehmen neu aus. Auch das machte mir Angst. Denn jede Veränderung bedeutet, etwas Vertrautes zurückzulassen, ohne genau zu wissen, ob das Neue tragen wird. Aber ich hatte inzwischen gelernt, dass Stillstand keine Sicherheit bedeutet. Manchmal ist die größere Gefahr, an etwas festzuhalten, nur weil es früher einmal richtig war.
Wenn ich heute zurückblicke, denke ich deshalb nicht zuerst an Wachstum, Umsatz oder irgendeinen bestimmten geschäftlichen Meilenstein. Ich denke an die vielen kleinen Situationen, die niemand von außen gesehen hat. An ein Baby auf meinem Arm in einer fremden Wohnung. An den Telefonhörer zwischen Schulter und Ohr. An Karteikarten auf dem Tisch. An die Krabbelgruppe, während in meinem Kopf schon der nächste Rückruf lief. An meine erste Mitarbeiterin und die Frage, wie man eigentlich eine gute Chefin wird. An die Erleichterung, als mein Mann ins Unternehmen kam und wir nicht nur geschäftlich, sondern auch als Eltern mehr teilen konnten. An unser zweites Kind. An Abende, an denen ich gerechnet habe. An Momente, in denen ich Angst hatte, dass sich der Markt schneller verändert als wir. Und an die Entscheidung, urbanbnb noch einmal neu zu denken.
#### Vielleicht ist genau das meine eigentliche Geschichte.
Nicht die Geschichte einer Frau, die 1996 eine großartige Idee hatte und von Anfang an wusste, dass sie Erfolg haben würde. So war es nicht.
Ich wusste oft nicht, ob ich das Richtige tat. Ich hatte Zweifel. Ich hatte Angst. Ich habe Fehler gemacht. Ich musste lernen, Verantwortung abzugeben, Menschen zu führen, Entscheidungen zu treffen und mich immer wieder von Dingen zu verabschieden, die einmal richtig gewesen waren.
#### Aber ich bin weitergegangen.
Manchmal mutig.
Manchmal unsicher.
Manchmal erschöpft.
Und manchmal einfach nur, weil am nächsten Morgen wieder das Telefon klingelte.
Vielleicht ist das rückblickend das, was urbanbnb für mich am stärksten geprägt hat: nicht ein einziger großer mutiger Schritt, sondern sehr viele kleine. Zwischen Kinderwagen und Karteikasten, zwischen Familie und Firma, zwischen Angst und Zuversicht.
Und immer wieder die Entscheidung, weiterzumachen.