Zwischen Faxgerät, Wickeltisch und den ersten Gästen
Wie aus meiner Idee 1996 langsam ein richtiges Unternehmen wurde – während ich gleichzeitig zum ersten Mal Mutter wurde.
Aus einer Idee musste ein Unternehmen werden
Nachdem ich beschlossen hatte, mich mit einer eigenen B&B-Agentur selbstständig zu machen, begann die eigentliche Arbeit. Wie es überhaupt zu dieser Entscheidung kam und warum ich damals den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt habe, erzähle ich in Kapitel 1: Wie alles begann . Die Idee allein reichte schließlich nicht. Ich brauchte Gastgeber und Gäste – und vor allem musste erst einmal jemand erfahren, dass es mich und meine Idee überhaupt gab.
Heute würde man wahrscheinlich eine Website erstellen, Google-Anzeigen schalten oder Social Media nutzen. 1996 sah die Welt noch anders aus. Ich ließ Flugblätter drucken und fragte in Geschäften, ob ich sie dort auslegen durfte. Ich nahm Kontakt mit Touristikämtern und Reisebüros auf, sprach mit Immobilienmaklern und erklärte ihnen meine Idee. Vielleicht kannten sie Eigentümer, die ihre Wohnung nicht dauerhaft vermieten wollten und für die eine Vermietung auf Zeit interessant sein könnte.
Ich schaltete Anzeigen in Amtsblättern, präsentierte mein Unternehmen auf Messen und fragte auch bei Haus & Grund wegen einer möglichen Zusammenarbeit an. Ich telefonierte, stellte mich vor und erklärte immer wieder, was ich vorhatte. Heute würde man vieles davon Marketing, Akquise und Networking nennen. Damals hieß es für mich vor allem: hingehen, nachfragen und nicht aufgeben.
Nicht jede Tür öffnete sich. Aber einige eben doch.
Manchmal bedeutete Unternehmensaufbau auch ganz einfach, am Abend noch einmal loszugehen und Flugblätter zu verteilen. Es gab keinen Algorithmus, der dafür sorgte, dass meine Idee den richtigen Menschen angezeigt wurde. Wenn ich wollte, dass jemand davon erfuhr, musste ich selbst dafür sorgen.
Vieles entstand durch persönlichen Einsatz. Ich sprach mit Menschen, erklärte meine Idee und hoffte darauf, dass sie den Gedanken weitertrugen. Kontakte entstanden nicht über Reichweite oder einen Algorithmus, sondern durch Gespräche und Empfehlungen.
Wenn ich heute daran zurückdenke, wirkt diese Form der Akquise fast ungewöhnlich. Damals war sie ganz selbstverständlich. Man musste hinausgehen, Menschen ansprechen und Schritt für Schritt Vertrauen aufbauen.
Unsere ersten Gäste
Unsere ersten Gäste waren vor allem Städtereisende, Messebesucher und klassische Kurzzeitgäste. Klassische Monteurunterkünfte spielten für uns damals noch keine Rolle. Gerade während großer Messen waren Hotelzimmer häufig knapp oder teuer und eine private Wohnung oder ein möbliertes Zimmer bot eine interessante Alternative.
Viele Gäste wollten nicht in einem anonymen Hotelzimmer wohnen, sondern persönlicher und mit etwas mehr Platz. Genau dieses Bedürfnis kannte ich aus meinem eigenen Berufsleben sehr gut.
Die Vermittlung funktionierte völlig anders als heute. Ein Gast rief an und erklärte mir, wann er kommen wollte, mit wie vielen Personen er reiste und was er suchte. Dann überlegte ich, welche Wohnung passen könnte, telefonierte mit den Gastgebern, klärte Verfügbarkeiten und schrieb Angebote.
Viele Informationen standen auf Karteikarten oder in meinen Unterlagen. Vieles hatte ich irgendwann einfach im Kopf: die Wohnungen, die Gastgeber und ihre Besonderheiten.
Die Arbeit fand dort statt, wo gerade Platz war. Vieles wurde am Küchentisch organisiert: Anfragen beantworten, Verfügbarkeiten prüfen, Gastgeber anrufen und Angebote vorbereiten. Was heute digital in wenigen Augenblicken geschieht, bestand damals aus vielen persönlichen Gesprächen und einzelnen Arbeitsschritten.
Unternehmen gegründet. Und kurz darauf Mutter.
Im Mai 1996 eröffnete ich mein Unternehmen. Eigentlich wäre das allein schon aufregend genug gewesen, doch ich war zu diesem Zeitpunkt hochschwanger. Am 7. Juli 1996 kam unsere Tochter Talia zur Welt.
Ich hatte kein großes finanzielles Polster und konnte mein gerade gegründetes Unternehmen nicht einfach für mehrere Monate ruhen lassen. Als ich aus dem Krankenhaus nach Hause kam, ging der Alltag deshalb praktisch sofort weiter. Gäste riefen an, Gastgeber hatten Fragen, Angebote mussten geschrieben und Wohnungen besichtigt werden. Gleichzeitig hatte ich ein Neugeborenes zu Hause.
Mein Alltag bestand nun aus Telefonaten, Angeboten und Faxen, aber genauso aus Stillen, Windelwechseln und Krabbelgruppe. Wenn sich ein neuer Gastgeber meldete und ich eine Wohnung besichtigen wollte, nahm ich Talia häufig einfach mit. So stand ich mit meinen Unterlagen und meiner kleinen Tochter auf dem Arm bei zukünftigen Gastgebern vor der Tür.
Einige Gastgeber erinnern sich noch heute daran. Manche von ihnen begleiten unser Unternehmen tatsächlich bis heute.
Mein Mann Markus unterstützte mich in dieser Zeit ganz wesentlich, arbeitete aber weiterhin Vollzeit bei einer Bank. Unser Familienalltag musste sich irgendwie um seinen Beruf, mein wachsendes Unternehmen und unser Baby herum organisieren. Und einen Hund hatten wir natürlich auch noch.
„Das schaffe ich alleine nicht mehr.“
Das Unternehmen wuchs. Immer mehr Gastgeber kamen hinzu, mehr Gäste meldeten sich und immer mehr Buchungen mussten organisiert werden. Irgendwann musste ich mir eingestehen: „Das schaffe ich alles alleine nicht mehr.“
Eigentlich war das ein wunderbares Problem, denn es bedeutete, dass meine Idee funktionierte. Also stellte ich meine erste Mitarbeiterin ein.
Nur hatte ich von Mitarbeiterführung ungefähr genauso viel Ahnung wie vorher vom Gründen. Wie erklärt man einem anderen Menschen Abläufe, die bislang nur im eigenen Kopf existierten? Wie gibt man Verantwortung ab? Und wie lernt man, nicht mehr alles selbst machen zu wollen?
Ich improvisierte auch hier. Wir probierten Abläufe aus, änderten sie wieder und lernten gemeinsam. Langsam verstand ich, dass ein Unternehmen nur wachsen kann, wenn man irgendwann lernt loszulassen.
Mit der ersten Mitarbeiterin veränderte sich auch meine eigene Rolle. Zum ersten Mal musste ich nicht nur Arbeit erledigen, sondern Abläufe erklären, Verantwortung teilen und akzeptieren, dass nicht mehr alles ausschließlich über meinen eigenen Schreibtisch laufen konnte.
Wenn ich heute auf diese ersten Monate zurückblicke, erscheint es mir manchmal unglaublich, wie viel in kurzer Zeit passiert war. Aus meiner Idee waren die ersten Gastgeber und Gäste geworden. Ich war Mutter geworden, hatte mit Baby weitergearbeitet und inzwischen sogar meine erste Mitarbeiterin eingestellt.
urbanbnb wuchs nicht mit einem großen Knall. Es wuchs in kleinen Schritten – ein Gastgeber, ein Gast und eine Buchung nach der anderen.
Bis dahin gab es in unserem Familienleben allerdings noch eine wichtige Sicherheit: Markus hatte seinen festen Arbeitsplatz bei der Bank. Doch ungefähr eineinhalb Jahre nach meiner Gründung standen wir vor einer wesentlich größeren Entscheidung.
Wir hatten eine kleine Tochter, Verantwortung und keine Garantie, dass unsere Geschäftsidee langfristig funktionieren würde. Natürlich hatten wir Angst. Und trotzdem trafen wir eine Entscheidung, die aus meinem Unternehmen endgültig unser Unternehmen machen sollte.
Davon erzähle ich als Nächstes.